Te igitur Journal für katholische Tradition

Kult und Kultur: Warum die Liturgie über die Zukunft Europas entscheidet

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Eine Kultur wird von ihrem Kult geformt, und darum ist die Frage, wie die Kirche Gottesdienst feiert, keine Frage des Geschmacks, sondern eine Frage mit gesellschaftlichen Folgen. Das Wort selbst verrät den Zusammenhang. Das lateinische cultus bezeichnet die Pflege eines Ackers ebenso wie die Verehrung der Götter; aus derselben Wurzel colere stammen cultura und cultus.

Der amerikanische Publizist Michael Knowles hat diesen Zusammenhang in einem Satz zusammengefasst: „‚Culture‘ and ‚cult‘ derive from the same word; what a culture worships defines it“. Auf Deutsch: „Kultur“ und „Kult“ stammen vom selben Wort; was eine Kultur anbetet, das bestimmt sie (Knowles o. J.).

Wenn das stimmt, dann hat die Liturgiereform von 1969 nicht nur die Messe verändert, sondern auch die Kultur, die aus ihr hervorging. Der folgende Text versucht, diesen Zusammenhang nüchtern zu begründen: mit Kulturphilosophie, Religionssoziologie, Ritualforschung und der philologischen Analyse der Messtexte. Er nimmt dabei auch die stärksten Einwände ernst. Denn ein Argument, das auf Emotion oder Vorliebe beruht, überzeugt nur die schon Überzeugten; ein Argument, das auf Gründen beruht, kann auch andere erreichen.

Kult als Ursprung der Kultur

Dass Kultur aus dem Kult hervorgeht, ist keine Erfindung heutiger Traditionalisten, sondern eine breit vertretene These des 20. Jahrhunderts. Josef Pieper hat sie in seiner Schrift über Muße und Kult am klarsten formuliert: Die Muße, aus der Philosophie, Kunst und Bildung entstehen, hat ihren Grund im Fest, und das Fest hat seinen Grund in der Gottesverehrung (Pieper 1948). Wo der Kult verschwindet, wird nach Pieper auch die Muße zur bloßen Pause zwischen Arbeitszeiten, und die „totale Arbeitswelt“ setzt sich durch.

Der Historiker Christopher Dawson kam auf anderem Weg zum selben Ergebnis. In seinen Gifford Lectures zeigt er, dass die großen Kulturen der Menschheit sich um eine religiöse Mitte gebildet haben und dass Europa als Kultur aus dem lateinischen Christentum, seinen Klöstern und seiner Liturgie hervorging (Dawson 1948; Dawson 1950). T. S. Eliot nannte die Kultur eines Volkes sogar die „Inkarnation“ seiner Religion und warnte, dass eine Kultur die Religion, aus der sie lebt, nicht lange überdauert (Eliot 1948).

Auch die klassische Religionssoziologie stützt diese Sicht, obwohl sie von ganz anderen Voraussetzungen ausgeht. Émile Durkheim beschrieb den gemeinsamen Ritus als den Ort, an dem eine Gesellschaft sich selbst als Gemeinschaft hervorbringt und ihre Ordnung des Heiligen und Profanen festigt (Durkheim 1912). Für Durkheim ist das Ritual nicht Ausdruck einer schon bestehenden Gesellschaft, sondern ihr Fundament.

In der Gegenwart hat der amerikanische Publizist Michael Knowles diesen Gedanken populär gemacht. Seine Kernformel lautet, dass eine Kultur durch das bestimmt wird, was sie anbetet: Wer eine Kultur erneuern will, muss bei ihrem Gottesdienst beginnen, nicht bei Politik oder Erziehung (Knowles o. J.). Knowles verbindet das mit einer Beobachtung aus seinem Buch über die politische Macht der Sprache: Wer die Wörter kontrolliert, mit denen Menschen über die Wirklichkeit sprechen, formt auch ihr Denken über diese Wirklichkeit (Knowles 2021). Beide Gedanken zusammen führen direkt zur Liturgiereform: Wenn der Kult die Kultur prägt und die Sprache das Denken, dann prägt die Sprache des Kultes das Denken einer ganzen Kultur.

Lex orandi, lex credendi: Wie der Ritus den Glauben formt

Die Kirche selbst kennt seit dem 5. Jahrhundert den Grundsatz, dass das Gesetz des Betens das Gesetz des Glaubens festlegt. Er geht auf Prosper von Aquitanien zurück und besagt: Was die Kirche betet, das glaubt sie, und was sie nicht mehr betet, verliert sie mit der Zeit auch im Glauben. Joseph Ratzinger hat daraus eine Diagnose der Gegenwart abgeleitet. In seinen Erinnerungen schreibt er, er sei überzeugt, dass die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht (Ratzinger 1998, 174).

In seinem Hauptwerk zur Liturgie beschreibt Ratzinger die Gefahr genauer: Eine Gemeinde, die sich im Kreis um sich selbst versammelt, wird zu einem „in sich geschlossenen Kreis“, der nicht mehr gemeinsam auf den kommenden Herrn ausgerichtet ist (Ratzinger 2000). Die Richtung des Gebets, nach Osten, zum Herrn hin, ist für ihn keine Äußerlichkeit, sondern Ausdruck dessen, worum es im Kult überhaupt geht.

Bemerkenswert ist, dass gerade Sozialwissenschaftler ohne kirchenpolitisches Interesse früh vor den Folgen der Reform warnten. Die Anthropologin Mary Douglas zeigte, dass verdichtete, scheinbar „leere“ Rituale wie das Freitagsopfer für einfache Gläubige Träger von Identität und Zugehörigkeit waren und dass ihre Abschaffung als Rationalisierung von oben diese Bindung zerstörte (Douglas 1970). Der Ethnologe Victor Turner, der Rituale weltweit erforscht hatte, kritisierte, dass die Reform das Ritual als Text behandelte, den man nach Belieben umschreiben kann, und dabei seine liminale, verwandelnde Kraft unterschätzte (Turner 1976). Der Soziologe Kieran Flanagan ergänzte, dass die Liturgie gerade durch Distanz, Form und Verborgenheit das Heilige darstellt; wo sie allzu verständlich und alltäglich wird, verliert sie diese Fähigkeit (Flanagan 1991).

Der Befund ist also nicht nur theologisch, sondern empirisch begründbar: Rituale sind keine austauschbaren Verpackungen eines Inhalts. Sie sind selbst Inhalt, und wer sie ändert, ändert die Menschen, die sie vollziehen.

Die Messe Pauls VI.: Was sich 1969 verändert hat

Mit dem Missale Romanum, das Paul VI. 1969 promulgierte, hat sich nicht nur die Sprache der Feier geändert, sondern auch die Sprache über die Feier. Am deutlichsten zeigt sich das am Teil der Messe, der jahrhundertelang „Opferung“ hieß und im deutschen Messbuch nun „Gabenbereitung“ heißt.

Missale von 1962: „Opferung“

Heiliger Vater, allmächtiger ewiger Gott, nimm diese makellose Opfergabe gnädig an. Dir, meinem lebendigen, wahren Gott, bringe ich, Dein unwürdiger Diener, sie dar für meine unzähligen Sünden, Fehler und Nachlässigkeiten. Ich opfere sie auf für alle Umstehenden und alle Christgläubigen, für die Lebenden und Verstorbenen. Gib, dass sie mir und ihnen zum Heile gereichen für das ewige Leben Amen.

Im Mittelpunkt: Gott, das Sühnopfer, die Sünde des Priesters.

Missale von 1970: „Gabenbereitung“

Gepriesen bist du, Herr unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Wir bringen dieses Brot vor dein Angesicht, damit es uns das Brot des Lebens werde.

Im Mittelpunkt: Schöpfung, Arbeit, Gemeinschaft.

Der alte Text spricht von Opfer, Sühne und Sünde. Der neue, an jüdische Tischsegen angelehnte Text spricht von Brot, Erde und menschlicher Arbeit. Die Gewichte haben sich verschoben. Schon 1969 kritisierten die Kardinäle Ottaviani und Bacci in ihrer „Kurzen kritischen Untersuchung“ genau diesen Punkt: Der Opfercharakter der Messe trete in der neuen Ordnung zurück, während Mahl und Versammlung in den Vordergrund rückten (Ottaviani/Bacci 1969). Klaus Gamber, ein Liturgiewissenschaftler von Rang, sprach später vom Bruch mit der organisch gewachsenen römischen Tradition (Gamber 1979); Alcuin Reid hat diesen Bruch historisch genau rekonstruiert (Reid 2005).

Noch weniger bekannt, aber wissenschaftlich am besten dokumentiert ist die Veränderung der Orationen, also der Tagesgebete. Die amerikanische Theologin Lauren Pristas hat die Sonntagsorationen vor und nach dem Konzil Satz für Satz verglichen (Pristas 2003; Pristas 2013). Ihr Ergebnis: Nur ein Teil der alten Orationen wurde unverändert übernommen. Viele wurden umgeschrieben, ersetzt oder gestrichen, und zwar nach ausdrücklichen Revisionsgrundsätzen der zuständigen Arbeitsgruppe des „Consilium“. Die Texte sollten dem „modernen Menschen“ verständlich und annehmbar sein.

Konkret heißt das: Motive wie die Verachtung des Irdischen zugunsten des Himmlischen, die Furcht vor dem Zorn Gottes, das Verdienst, der Kampf gegen die Sünde und die Bitte um Befreiung von ewiger Strafe wurden gemildert oder entfernt. Ein Mitglied der Arbeitsgruppe, Antoine Dumas, hat diese Linie selbst offen beschrieben (Dumas 1971). An ihre Stelle traten häufiger Motive der Weltgestaltung, der Gemeinschaft und des menschlichen Wachstums. Pristas zieht daraus den Schluss, dass sich nicht nur der Stil, sondern die Theologie der Gebete verändert hat: weniger Askese und Gericht, mehr Bejahung der Welt und des Menschen.

Diese Verschiebungen sind für sich genommen klein. Zusammen ergeben sie ein anderes Bild davon, wer Gott ist und wer der Mensch vor ihm ist. Und weil die Gläubigen dieses Bild jeden Sonntag hören und mitbeten, wird es zu ihrem eigenen.

Vom Kult Gottes zum Kult des Menschen

Wenn der Kult die Kultur prägt, dann muss ein Kult, der den Menschen stärker in die Mitte rückt, auch eine Kultur hervorbringen, die um den Menschen kreist. Genau das lässt sich beobachten. Bereits 1966 beschrieb der Soziologe Philip Rieff den „Triumph des Therapeutischen“: Religion werde nicht mehr als Anspruch Gottes an den Menschen verstanden, sondern als Mittel zum seelischen Wohlbefinden (Rieff 1966).

Die Religionssoziologen Christian Smith und Melinda Denton gaben dieser Haltung 2005 einen Namen: „moralistisch-therapeutischer Deismus“. Gott existiert, er will, dass wir nett zueinander sind und uns gut fühlen, und er greift nur ein, wenn wir ihn brauchen (Smith/Denton 2005). Von Anbetung, Opfer, Sünde und Gericht ist in diesem Glauben kaum die Rede. Dazu passt, dass nach einer Erhebung des Pew Research Center nur rund ein Drittel der US-Katholiken an die Wesensverwandlung in der Eucharistie glaubt (Pew Research Center 2019). Wo die Messe als Mahl der Gemeinde erlebt wird, verblasst der Glaube an das Opfer und an die wirkliche Gegenwart Christi.

Diese Entwicklung betrifft nicht nur progressive Milieus. Auch vieles, was heute als „konservatives Christentum“ gilt, ist im Kern ein humanistisches Christentum. Es verteidigt Familie, Lebensschutz und bürgerliche Ordnung, also wichtige Güter. Doch es verteidigt sie oft als menschliche Werte, nicht als Folgen der Unterwerfung unter Gott. Ehrfurcht, Anbetung, Askese, Buße, die Rede von Sünde und Hölle treten zurück; an ihre Stelle tritt ein moralisches Ordnungsprogramm für den Menschen, verbunden mit einer Begeisterung für seine Würde und Möglichkeiten. Die Frage lautet dann nicht mehr: Wie kehrt der Mensch zu Gott um? Sondern: Wie bringen wir die Gesellschaft moralisch in Ordnung?

Der Unterschied ist grundlegend. Eine Moral ohne Kult bleibt ein Appell an den guten Willen und wird als Bevormundung empfunden. Ein Kult dagegen ordnet den Menschen zuerst auf Gott hin, und aus dieser Ausrichtung erwächst die Moral von selbst. Martin Mosebach hat diese Lage als „Häresie der Formlosigkeit“ beschrieben: Wo die Form des Kultes verloren geht, geht schließlich auch sein Inhalt verloren (Mosebach 2002). Wir sind, so muss man nüchtern feststellen, tief gefallen: von der Anbetung Gottes zur Verehrung des Menschen.

Der Wiederaufbau beginnt am Altar

Wenn die Kultur aus dem Kult hervorgeht, dann beginnt die Erneuerung Europas nicht in Parlamenten, Talkshows oder Programmen zur Wertevermittlung, sondern am Altar. Europa ist nicht aus einer Moral entstanden, sondern aus der Anbetung: aus Klöstern, in denen das Stundengebet den Tag ordnete, und aus einer Messe, die über Jahrhunderte in derselben Sprache und Gestalt gefeiert wurde (Dawson 1950).

Die überlieferte Messe ist deshalb keine Liebhaberei für Ästheten. Sie ist ein Ort, an dem der Mensch wieder lernt, dass nicht er im Mittelpunkt steht, sondern Gott; dass Opfer, Buße und Umkehr keine Zumutungen sind, sondern der Weg zur Freiheit; und dass Ehrfurcht die Grundhaltung jeder echten Kultur ist. Wer das erkennt, verteidigt die alte Messe nicht aus Nostalgie, sondern aus Einsicht.

Diese Frage ist darum keine des Gefühls oder der Vorliebe. Sie ist eine sachliche Frage nach Ursache und Wirkung, und an ihrer Beantwortung hängt mehr, als viele ahnen: das Schicksal der Kirche, Europas und jedes Einzelnen, der in ihr lebt.

Literaturverzeichnis

  • Benedikt XVI. (2007): Brief an die Bischöfe anlässlich der Publikation des Motu proprio „Summorum Pontificum“, 7. Juli 2007. Vatikanstadt.
  • Dawson, Christopher (1948): Religion and Culture. Gifford Lectures 1947. London: Sheed & Ward.
  • Dawson, Christopher (1950): Religion and the Rise of Western Culture. London: Sheed & Ward.
  • Douglas, Mary (1970): Natural Symbols. Explorations in Cosmology. London: Barrie & Rockliff.
  • Dumas, Antoine (1971): Les oraisons du nouveau Missel. In: Questions liturgiques 52, 263–270.
  • Durkheim, Émile (1912): Les formes élémentaires de la vie religieuse. Paris: Alcan.
  • Eliot, T. S. (1948): Notes towards the Definition of Culture. London: Faber & Faber.
  • Flanagan, Kieran (1991): Sociology and Liturgy. Re-presentations of the Holy. Basingstoke: Macmillan.
  • Franziskus (2021): Motu proprio „Traditionis custodes“, 16. Juli 2021. Vatikanstadt.
  • Franziskus (2022): Apostolisches Schreiben „Desiderio desideravi“, 29. Juni 2022. Vatikanstadt.
  • Gamber, Klaus (1979): Die Reform der römischen Liturgie. Vorgeschichte und Problematik. Regensburg: Pustet.
  • Knowles, Michael (2021): Speechless. Controlling Words, Controlling Minds. Washington, DC: Regnery.
  • Knowles, Michael (o. J.): „’Culture’ and ‘cult’ derive from the same word; what a culture worships defines it.“ Zitiert nach BrainyQuote, (abgerufen am 30. Oktober 2026).
  • Mosebach, Martin (2002): Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind. Wien/Leipzig: Karolinger.
  • Ottaviani, Alfredo / Bacci, Antonio (1969): Breve esame critico del Novus Ordo Missae. Rom.
  • Pew Research Center (2019): Just one-third of U.S. Catholics agree with their church that Eucharist is body, blood of Christ, 5. August 2019.
  • Pieper, Josef (1948): Muße und Kult. München: Kösel.
  • Pristas, Lauren (2003): The Orations of the Vatican II Missal: Policies for Revision. In: Communio. International Catholic Review 30 (4), 621–653.
  • Pristas, Lauren (2013): The Collects of the Roman Missals. A Comparative Study of the Sundays in Proper Seasons before and after the Second Vatican Council. London: Bloomsbury T&T Clark.
  • Ratzinger, Joseph (1998): Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927–1977). Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.
  • Ratzinger, Joseph (2000): Der Geist der Liturgie. Eine Einführung. Freiburg i. Br.: Herder.
  • Reid, Alcuin (2005): The Organic Development of the Liturgy. 2. Aufl. San Francisco: Ignatius Press.
  • Rieff, Philip (1966): The Triumph of the Therapeutic. Uses of Faith after Freud. New York: Harper & Row.
  • Smith, Christian / Denton, Melinda Lundquist (2005): Soul Searching. The Religious and Spiritual Lives of American Teenagers. New York: Oxford University Press.
  • Turner, Victor (1976): Ritual, Tribal and Catholic. In: Worship 50 (6), 504–526.

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